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Farben und Klänge Gottes

Nacht der Kirchen Kassel 23.6.17

Von Irina Pfeiffer

Zarte Klänge wehen aus dem angelehnten Kirchenportal und empfangen Maria* als sie von der Straße abbiegt und unter zwei prächtigen Linden auf die Kirche zugeht. Eben ist die Orgel verstummt und ein tiefer Klangteppich von einem ihr unbekannten Instrument dringt an ihre Ohren. Schnell schlüpft Maria durch den Spalt in der Türe und schließt sie leise hinter sich.

Drinnen verfällt sie in Staunen. Ein riesiges weißes Gebilde nimmt den hinteren Teil der Kirche ein, und darin befindet sich ein strahlend weißes Licht, das von der Decke aus die weißen Stoffwände zum leuchten bringt. Der Schleier, ein weißer, etwa 12 Meter langer dreieckiger Schlauch, dreht sich langsam zum Boden hin und wird von unten bestrahlt in Farben, die langsam das Spektrum des Regenbogens nachzeichnen.

Maria ist plötzlich von Ehrfurcht erfüllt. Der tiefe, ruhige und doch glitzernde Klang und das unerwartete, faszinierende Spiel des Lichtes lassen eine nahezu heilige Stimmung entstehen. Unbewusst ist Maria einige Schritte nach vorne gegangen und steht nun an einer freien Fläche, in der drei weiße Spiralen zusammen laufen. Genau in der Mitte steht eine große Klangschale. Gegenüber von ihr, rechts neben dem Lichtschlauch, spielt ein Mann auf einem rechteckigen Instrument und erzeugt diesen wunderschönen, ruhigen, tiefen Klang, in den sich jetzt feine Harfentöne mischen. Maria bemerkt eben noch ein paar andere Musiker im halbdunklen Rund, neben ihr steht ein Kontrabassist mit seinem Instrument, als ihre Aufmerksamkeit wieder zu den Stoffbahnen in der Mitte gezogen wird.

Aus einem kleinen seitlichen Schlitz tritt ein junger Mann hervor, der hell beschienen wird, während die anderen Musiker nur vage auszumachen sind. Er hebt die Arme und geht mit tanzenden Schritten zu dem tief tönenden Instrument und seinem Musiker, die nun auch in Licht gehüllt werden. Ein Multichord, wie Maria später erfährt. Der Tänzer holt nun eine Flöte hervor und legt eine zarte Melodie darüber, in die nach und nach die anderen Musiker einstimmen. Die Harfenklänge verdichten sich und neben Maria ertönt der Kontrabass. Dann erklingt ein heller Gesang und die klaren Töne einer Hang-Drum, und schon ist aus den verschiedenen Klängen eine zauberhafte Symphonie entstanden.

Der Tänzer setzt seinen Weg fort, nimmt das Licht mit und kommt zur Harfenspielerin, die ein wunderschönes Solo zur Decke steigen lässt, und langsam, verspielt, tänzerisch, wird der Weg durch die Runde fortgesetzt, die Harmonien verändern sich langsam und immer wieder tritt ein Instrument, eine Stimme besonders hervor. Mal gibt der gezupfte Bass den Rhythmus, dann steigt eine Maultrommel mit ein und schließlich ertönt das tragende, tranceartige Pulsieren eines Didgeridoos.

Schließlich gehen Hang- und Bassspieler in die Mitte, ein Flötenspieler folgt den Spirallinien auf dem Boden und ebenso die Sängerin mit dem reinen Sopran und der Tänzer, der mit tiefem Bass und Obertongesang einstimmt. Als letztes kommt der Didgeridoospieler von der Türe her in die Mitte, sich langsam um sich selbst drehend und den tiefen Klang in alle Richtungen verbreitend. Darin findet die Symphonie ihren Abschluss, er sammelt alle Klänge ein und führt sie in seinem erdigen Spiel zu ende. Dann ertönt die große Klangschale in der Mitte und das Licht geht aus.

Still gehen die Musiker auseinander. Applaus bleibt aus – zu ergriffen sind die Menschen und lauschen der Musik hinterher, die in der Stille der Kirche nach zu klingen scheint.

Schließlich wendet sich Maria nach rechts, wo ein strahlen förmiger Lichtkranz die Kirchenwand erhellt. Darüber werden auf eine große Leinwand Bilder aus dem Gemeindeleben projiziert. Doch ihre Aufmerksamkeit gilt der kleinen Gruppe Menschen, die sich dort versammelt hat. Hand- und Fußwaschungen, verkündet ein Schild, die Jesus Nächstenliebe erfahrbar machen wollen. Neugierig kommt Maria näher und wird freundlich zu einer Handwaschung eingeladen.

Aus einem Krug fließt warmes Wasser über ihre Hände, die sanft getragen sind von einer bisher unbekannten Frau. Es tut gut und zugleich ist es ein eigentümliches Gefühl, so ohne Vorbehalt umsorgt zu werden. Sanft wird etwas Seife einmassiert und mit klarem Wasser wieder abgespült, achtsam und liebevoll sind die Bewegungen. Nachdem die Frau Marias Hände sanft abgetrocknet hat, nimmt sie sie in die eigenen. „Gott segne das Werk deiner Hände“, sagt sie. Gerührt bedankt sich Maria.

Nun geht sie weiter zu dem großen Lichtschlauch, der den Raum vor dem Altar einnimmt. Von der schönen, hölzernen Decke reicht er hinab bis zum Boden. Durch den kleinen seitlichen Eingang schlüpft eben ein Mensch ins Innere. „Möchtest du Gottes Segen erfahren?“ wird Maria nun angesprochen. „Dann sag mir deinen Namen und warte hier einen Augenblick.“

Maria setzt sich auf einen der kleinen weißen Hocker, die rundherum aufgestellt sind und beobachtet solange das Geschehen in der Kirche. Nicht weit von ihr ist ein Maltisch aufgebaut, an dem ein Kind mit einem Bild beschäftigt ist, während sein Vater mit einem aus der Gemeinde redet. Die Besucher sind bunt gemischt, junge und alte Menschen haben sich hier eingefunden und auch einige Kinder sind dabei. Manche scheinen mit der Kirche vertraut und gehören wohl zum Kreis der Gemeinde, während andere im Rahmen der Langen Nacht der Kirchen vorbei schauen. Neben dem Eingangsbereich haben sich ein paar der Musiker zusammengefunden und improvisieren gemeinsam.

„Maria“, ruft es nun aus dem Inneren des Lichtschlauches. Zögernd geht sie zu dem Schlitz in der Seite und schlüpft dann hindurch. Drinnen muss sie blinzeln, als ihr das strahlende Licht von oben in die Augen fällt.

Es stehen zwei Männer mit ihr in dem Dreieck und nach einer kurzen Begrüßung legt jeder eine Hand auf ihre Schulter und sie sprechen sanfte Segensworte. Dabei trifft vieles genau in ihre Seele und sie fragt sich, woher hat er das gewusst? Wie konnte er so genau in mein Inneres blicken? Zum Schluss wird sie gefragt, ob sie eine Umarmung möchte, und sie fühlt sich ganz geborgen in den Armen des Mannes. Freudig und mit frischer Energie gefüllt verlässt sie dieses Dreieck auf der anderen Seite.

Sie geht nun die Stufen zum Altar hinauf, der in goldenem Licht leuchtet und mit einem großen Strauß Rosen geschmückt ist. Dahinter sind Tafeln mit Veranschaulichungen zur Dreieinigkeit aufgestellt. Vater und Sohn und der Heilige Geist – jeder bekommt einen Text – und eine Maske, denn das Göttliche ist unfassbar, unerklärlich, und die Darstellung ein Herantasten an das Geheimnis. Andächtig hält Maria einen Moment lang inne, nach Innen lauschend, hin zur Quelle dieses Mysteriums.

Jetzt geht sie die andere Seite der Kirche entlang. Auch hier ist die Wand stimmungsvoll beleuchtet, und davor ist eine Mauer aus großen weißen Steinen aufgebaut. An jedem Stein ist ein kleiner Beutel befestigt, in manchen steckt ein Brief. Wandernde Klagemauer steht darüber. Wer sich dazu bereit fühlt, kann einen Stein versetzten – und dadurch symbolisch das Leid eines anderen Menschen mittragen. Maria versucht einen Stein herunter zu nehmen. Er ist jedoch so schwer, dass sie eine anbei stehende Frau bitten muss, ihr zu helfen. Gemeinsam tragen sie die Last ein paar Meter weiter und setzten den Stein vorne an der Mauer ab. Ein Lächeln verbindet sie.

Maria steht nun vor der letzten Station. Hier wird – nach der Erfahrung der Nächstenliebe von Jesus Handlungen in der Fußwaschung, und der Segnung im Namen Gottes im Lichtdreieck – der Heilige Geist erfahrbar gemacht, und dies geschieht durch Klänge.

Es ist ein offenes Zelt aus weißem Stoff aufgebaut, vorne stehen zwei schöne Stühle aus Holz, deren Rückenlehnen mit Saiten bespannt sind. Klang-Thröne, und innen ist eine Klangschaukel an der Decke aufgehängt. Sie ist frei und Maria wird eingeladen, sich hinein zu legen. Das sanfte schaukeln erweckt Geborgenheit, und was nun ertönt, ist ein Klang von überirdischer Schönheit. Es ist der gleiche, der Maria schon faszinierte, als sie noch draußen vor der Kirche stand. Ein tiefer Basston, als durchgängiger Klangteppich auf den rund zwanzig Saiten gespielt, durchwirkt von schillernden Obertönen, die fast eigene Melodien zu bilden scheinen. Schon bald ist sie in einem Zustand tiefer Entspannung und als die Bespielung zu ende ist, kann sie unmöglich sagen, wie viel Zeit vergangen ist.

Die Kirchenglocken ertönen. Maria richtet sich langsam in der Klangschaukel auf und als die Glocken von Orgeltönen abgelöst werden, klettert sie hinunter.

Die Musiker sind wieder in einem weiten Kreis versammelt und das Multichord wird angespielt. Schon bald tritt der Tänzer hinten aus dem Lichtfokus heraus und eine neue Symphonie beginnt sich zu entfalten, ähnlich wie die erste und doch wieder neu und einzigartig, erschaffen in eben diesem Moment.